Machtmissbrauch: Aus den Fugen

Machtmissbrauch: Aus den Fugen

Manchmal braucht es nur einen kurzen Moment der Konfrontation, ein Wort oder ein Gefühl, das dir die Augen öffnet. Du stehst da, hältst die Luft an. Dein Bauch verkrampft, das Herz rutscht drei Etagen tiefer und legt sich mit voller Kraft auf deine Knie. Du versuchst einen Fuß vor den anderen zu setzen und während die Umrisse deiner Umgebung plötzlich vor deinen Augen verschwimmen, bemerkst du, dass deine Welt aus den Fugen ist. Meine Geschichte beginnt im Jetzt und endet im Damals. So weit wie es nötig ist, um zu verstehen, was Machtmissbrauch täglich mit Millionen Frauen macht. Die Form ist so individuell wie nebensächlich, denn wenn man die Situationen und Geschehnisse ganz rational vom Objekt subtrahiert bleibt immer eins: Ein Gefühl von Scham und Demütigung.


Ich habe mich aus meiner Isolation getraut. Woher ich den Mut dazu gefunden habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber das Gefühl, ganz plötzlich zu wissen, dass ich keinen Tag mehr weiter machen kann, ohne offen über mein Problem zu sprechen, lag plötzlich deutlich vor mir. Ausgebreitet, wie die Sonntagszeitung konnte ich jedes Wort klar erkennen. Musste die Zeilen nur lesen, die Seiten blätterten sich von selbst um und ich wusste, welche Schritte zu gehen sind. Meine Lippen formten das erste Worte und so folgte einfach, was so eindeutig zu erkennen war.

„Ich habe ein Problem, ich schäme mich und ich weiß nicht wo ich anfangen soll. Du hast mich gefragt, wie mein Tag ist? Rock bottom. Das ist die Antwort.“

So, oder so ähnlich, startete meine Sprachnachricht. Als idealistischer Steinbock und nur selten mit Raum für Schwäche, fällt es mir schwer über Probleme zu sprechen. Wobei das nicht ganz richtig ist: Ich spreche über Probleme, aber erkenne ihnen oft den Einfluss auf meine Person ab und wirke rational und abgeklärt. Der erste Schritt war also das Problem und vor allem die resultieren Folgen zu benennen und laut auszusprechen.

Was dann folge war eine 8 minütige Antwort meiner Freundin und die umgangssprachliche Faust aufs Auge in Form einer Metapher.

„Leo, dir ist etwas schlimmes passiert und das ist wie mit einem aufgeschlagenen Knie. Wenn du als Kind doll gestürzt bist, dann war das zwar schmerzhaft aber solange du dir die Wunde und die Auswirkungen nicht genauer angeschaut hast, ging es. Irgendwie. Durch Trost und kleine Notpflaster kann man den ersten Schock immer gut überwinden aber wenn du dir die Wunde nie richtig anschaust und dafür sorgst, dass sie verheilt, kannst du nicht heilen.“

// Wundbeschauung

Nachdem das letzte Notpflaster ruckartig abgezogen ist, ist da erstmal nichts. Das Ausmaß der Auswirkungen, das Nachbeben der letzten zwei Jahre, wird mir nur langsam bewusst. Wovor ich früher weggelaufen wäre, begegne ich jetzt mit festem Stand und klarem Blick. Lieber kurz fallen und dabei weich landen als ständig zu rennen. Mir ist in den letzten Monaten die Puste ausgegangen, die Entschuldigungen für das Geschehene reichen schon lange nicht mehr aus. Was bleibt? Konfrontation. Endlich. Der stechende Schmerz, während das Pflaster abgezogen wird tut zwar verdammt weh, aber damit bin ich jetzt zum Glück nicht mehr alleine. Eigentlich war ich das nie. Aber wer sieht das schon, wenn man immer an allen vorbeirennt?

Wenn dir etwas Schlimmes widerfährt, Macht missbraucht und vor allem gegen dich gebraucht wird, empfindest du Scham. Ob der Missbrauch emotional oder sexuell ist, ist für den Moment nicht entscheidend. Eine Person, der ich beruflich begegnet bin, hat ihre Machtposition mir gegenüber ausgenutzt. Wenn man die Situation nüchtern betrachtet, hätte ich immer eine Option gehabt. Die Option „nein“ zu sagen, für mich einzustehen, klare Grenzen zu ziehen. Wenn man die emotionale Komponente, meine damalige Situation und das Bewusstsein für Machtgefälle innerhalb des Arbeitsplatzes und der Geschlechter berücksichtigt, hatte ich keine Chance – gab es nie eine Option. Ich war damals 23. Ich wollte, brauchte meinen Job, wollte mich von meinen damaligen Umständen lösen. Das Missbrauch kann in seiner Erscheinung so vielschichtig und vielseitig sein, dass es hier eigentlich nichts zur Sache tut. Über was wir allerdings sprechen müssen, ist das Gefühl, das deinen Körper wie Quecksilber auffüllt, dir nach und nach die Bewegungen lähmt, die Luft abschnürt und die Sicht trügt. Das Gefühl klopft von draußen dumpf und bedrohlich an die Tür, während du bewegungslos zitternd in der hinteren Ecke deines Handlungsspielraums kauerst.

Glück stellt sich ein, das Gefühl kommt zur Tür herein.
Liebe erfüllt dein Herz, das Gefühl dämpft sie mit Schmerz.
Mut flammt kurz in dir auf, das Gefühl sagt: Lauf!
Geborgenheit hält dich fest, das Gefühl gibt dir den Rest.
Das Gefühl schläft nie und legt alles lahm.
Es steht vor dir und heißt – Scham.

Hey! Nach dem Regen kommt die Sonne.

 

Hey. Nach dem Regen kommt die Sonne.

// Scham isoliert

Du hast dich bestimmt schon einmal in einer Situation wiedergefunden, die dich fernab deines moralischen Kompasses handeln lies. Alles, was du dir in den letzten Jahren mühsam abgesteckt hast, wird durch eine kurze Unsicherheit und eine falsche Entscheidung in Frage gestellt. Du hast wider deinem Erwartungsbild an dich selbst gehandelt. Und dann stehst du da: Vor den Kopf gestoßen, alleine, denn deine Welt geriet aus den Fugen. Was richtig und was falsch ist, kannst du nicht mehr klar erkennen, sobald sich über deine Linse ein dünner Nebel zieht, der dir die Sicht versperrt. Der Nebel drückt von links, verschiebt die Nadel deines Kompasses um eine Nuance und nimmt dir das Gleichgewicht. Wenn man plötzlich nicht mehr weiß wo Norden ist, taumelt man. Dennoch und das, was jetzt kommt, ist mit Abstand am wichtigsten. DU BIST NICHT ALLEINE. Wer taumelt, braucht zwei stützende Arme von rechts und links, um stehen zu können, wieder geradeaus laufen zu können.  Lass dich von Schamgefühlen nicht in eine Ecke drängen. Schäm dich nicht vor dir selbst und nicht vor anderen. Denn je länger du deine klaffende Wunde mit viel zu kleinen Pflastern notdürftig abdeckst, wirst du sie nie richtig versorgen und heilen lassen können. Die kleinen Narben reißen immer wieder auf. Du lässt Situationen über dich ergehen, Druck auf dich ausüben und dir den Mund verbieten. Das tut nicht nur einmal weh, sondern jedes Mal. Vielleicht musst du Menschen belügen, die du liebst, um dich selbst weiter belügen zu können. Egal wie – der Wirbelsturm wird größer, dreht sich immer schneller und spuckt dich schlussendlich mit einem üblen Gefühl ganz unten aus. Du bist nicht alleine. Nie. 
Wirf die Scham aus dem Haus und vertraue auf Personen, die dir nahe stehen, versammel sie um dich und sprich.
Diejenigen, die dich verstehen, für dich da sind und helfen sind der Sauerstoff, den deine Wunde braucht, um zu heilen.

Und da schließt letztlich auch die Wund-Metapher: Bevor wir als Kind das Pflaster ruckartig abgezogen haben, suchten wir Schutz bei unseren Eltern. „Lass mich mal sehen. Ich puste jetzt, dann wird es besser und dann erzählst du mal in Ruhe, was passiert ist“. Denn: Zusammen ist man weniger allein. Das gilt heute und für immer – nur Mut.

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